Das sind unsere Erfahrungen

Ich bin Nicole Senghas, 55 und seit 2009 im Freundeskreis Kochertal Erfolgsgeschichten

Ich bin dankbar für alles, was ich bisher mit den Menschen im Freundeskreis erlebt habe. Ich führe heute ein zufriedenes Leben, das mich immer wieder neu herausfordert. Ein Leben mit ganz vielen Geschenken, welche ich gerne annehme und auch an andere weitergebe.
Der Weg in den Freundeskreis

Die Partnerschaft zwischen mir und meinem Mann war in der aktiven Zeit der Sucht sehr stark leistungs- und zielorientiert. Unser Ziel war es, viel zu arbeiten, um möglichst schnell das gemeinsam erbaute Haus schuldenfrei zu bekommen. Es gab wenig gemeinsam verbrachte Freizeit, wenig Beziehungspflege, wenig gemeinsame Interessen, wenig Gespräche.

Auch die Geburt unseres Sohnes hat an dieser Situation kaum etwas verändert. Im Gegenteil: Ich hatte das Gefühl, die Verantwortung für eine Familie tragen zu müssen. Und dieses unruhigere, fremdbestimmtere Leben bedeutete für meinen Mann mehr Stress, welchen er mit mehr Alkohol eindämmen wollte. Dadurch bin ich, wie ich es in unserer Beziehung gewohnt war, noch mehr in die Verantwortung gegangen, in dem guten Glauben, dass ich dadurch meinen Mann entlasten könnte und sich die angespannte Atmosphäre in unserem Haus lösen würde. Ein Irrglaube, dem ich immer wieder mal erliege, wenn ich in alte Muster zurückfalle.

Ich lebte viele Jahre in einer ständigen Anspannung. Dabei versuchte ich, mich in die Gefühlswelt meines Mannes hinein zu versetzten. Ich wollte ihn und damit gleichzeitig mich und unseren Sohn schützen. Wir gingen zur Paartherapie. Wir haben viel versucht, um unsere Ehe und unsere Familie zu retten. Doch irgendwann war die Last auf meinen Schultern einfach zu groß. Ich konnte und wollte diese nicht mehr tragen.

Da ich keinen anderen Weg mehr sah, der zur Entspannung unserer familiären Situation hätte führen können, bin ich zusammen mit unserem fünf Jahre alten Sohn in eine andere Wohnung gezogen. Denn obwohl mein Mann zu diesem Zeitpunkt etwa ein halbes Jahr lang abstinent war, hatte sich mit der Abstinenz kein „Schalter umgelegt“, der es ermöglicht hätte, ein friedliches und stressfreies Familienleben zu führen. Nein, diesen Schalter gibt und gab es nicht, zumindest nicht in unserer Familie.

Ich vermute, eine Langzeittherapie in einer Suchtklinik hätte uns allen in diesem Familienverbund sehr gutgetan. Aber zu dem Zeitpunkt, als mein Mann sich für eine Therapie entschieden hatte, war er laut Begründung der Rentenversicherung schon zu lange weg vom Alkohol, und somit wurde sein Antrag auf eine Therapie abgelehnt.

Obwohl ich mich für einen getrennten Haushalt als Schutz für mich und unseren Sohn entschieden hatte, bedeutete dies nicht, dass ich meinen Mann nicht mehr liebte oder ihn „im Stich lassen“ wollte. Oder war das damals ein Zeichen meiner Co-Abhängigkeit? Diese Frage ist auch heute noch schwer für mich zu beantworten. Wie dem auch sei: Dennoch habe ich über meinen Mann den Weg in den Freundeskreis gefunden. Sein Hausarzt hatte ihm empfohlen, eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen. Er hatte ihm auch den Namen der örtlichen Selbsthilfegruppe genannt. So ging zunächst mein Mann alleine zum Freundeskreis. Bei einem Besuch des Freundeskreisleiters mit seiner Ehefrau bei uns zu Hause zu einem gemeinsamen Abendessen – unser Sohn war auch dabei – wurden wir jedoch als Familie zur anstehenden Weihnachtsfeier eingeladen. Die Familienweihnachtsfeier war mein erster Gruppenbesuch.

Mein Freundeskreis und ich

Ich habe mich gleich zu Beginn in der Gruppe angenommen und wohl gefühlt. Zu hören, dass andere ähnliche Erlebnisse mit der Alkoholsucht hatten, war Balsam für meine wunde Seele und hat mir Trost gespendet. Dennoch hat es seine Zeit gedauert, bis ich begriffen habe, dass auch ich als Angehörige etwas für mich selbst tun kann und muss. Zu dieser Erkenntnis kam ich allerdings eher durch die Teilnahme an den Seminaren des Landesverbands als durch den Freundeskreis vor Ort. Dies kann aber auch dem Umstand geschuldet sein, dass bei uns in der örtlichen Gruppe die angehörigen Frauen – zumindest zum damaligen Zeitpunkt – in anderen Lebenssituationen waren als ich.

Mein großes Glück war es, dass für die Seminare mit Familie die Abstinenzvoraussetzungen nicht so hochgesteckt sind wie beim Therapieantrag meines Mannes. So konnten wir schon nach einem Jahr am Kind-Eltern-Seminar teilnehmen. Dieses Seminar hat mir so viel gegeben, dass ich noch heute, neun Jahre später, sehr gerührt bin, wenn ich an dieses Seminar denke: Unser Sohn wurde mit seinen sechs Jahren sofort in die Gruppe der Kinder und Jugendlichen aufgenommen, obwohl er der „Neue“ und der Jüngste war. Die Betten waren noch nicht bezogen, als unser Sohn schon weg war, unterwegs mit seinen neuen Freunden – obwohl er sonst nicht so schnell Kontakt mit Fremden geknüpft hat. Dies ist für mich bis heute ein kleines Wunder.

Auch wir als „neue“ Eltern wurden ganz schnell und herzlich aufgenommen. Jeder Einzelne in unserer Familie hat dieses verlängerte Wochenende als ganz besonders gewinnbringend erlebt. Für mich war dies der erste Urlaub zu dritt ohne Streit, ohne Stress. Es war Erholung und ein Auftanken für alle, mit viel Spaß, Lachen und vielen gemeinsamen guten Erlebnissen.

Dies war der erste Kontakt zum Landesverband – zu den Seminarangeboten des Landesverbands. Außer an den Familienangeboten habe ich auch ziemlich früh an einem Seminar für angehörige Frauen teilgenommen. Ich weiß noch ganz genau, dass ich zu diesem Zeitpunkt noch sehr verletzt war. Und mein verletztes Herz war gut geschützt hinter sicheren, dicken Mauern. Und dennoch war auch dieses Seminar so wohltuend. Die Geschichten der anderen Frauen waren sehr bewegend, sodass sie auch mein Herz ein klein wenig erreichen konnten; zumindest soweit, dass mein Verstand mir ganz klar sagte: Wenn meine Verletzungen heilen sollen und ich ein guten Leben führen möchte, darf ich mich auf den Weg machen und herausfinden, was ich fühle, was mir gut tut, wie ich mich stärken kann, wie ich mich kennenlernen und annehmen kann – mit all meinen Stärken und auch meinen Schwächen. Doch der Weg vom Kopf ins Herz hat dann schon noch etwas Zeit in Anspruch genommen. Heute weiß ich, dass Veränderung Zeit braucht und kann gnädiger mit mir sein – zumindest meistens ;-)).

Wie sich mein Leben seither verändert hat

Inzwischen ist für mich der Freundeskreis vor Ort und der Landesverband, eine riesige Schatzkiste. Ich durfte schon ganz viele tolle Menschen kennenlernen. Ich habe Freunde fürs Leben gefunden – ganz wertvolle Freunde. Jesus hat an meine Tür geklopft, und heute hat Jesus in meinem Herzen Wohnung gefunden. Durch regelmäßige Seminarteilnahme und durch den Austausch mit anderen Freundeskreislern habe ich die Möglichkeit, mich selbst immer besser kennenzulernen, mich zu spüren und meine Grenzen zu spüren. Ich habe gelernt, anderen Grenzen zu setzen, wobei dies nach wie vor noch mein größtes Lern- und Übungsfeld ist. Aber ich weiß ja: Wir werden in diesem „irdischen“ Leben nie fertig sein mit unserer Persönlichkeitsentwicklung.

Ab und zu moderieren mein Mann und ich vertretungsweise unsere örtliche Gruppe. Mein Mann und ich sind beide Seminarmitarbeiter. Und dieses Jahr stelle ich mich als Kassiererin des Landesverbands zur Wahl.

Kurz gesagt: Ich bin froh und dankbar für alles, was ich bisher mit und durch den Freundeskreis erlebt habe und noch erleben darf. Ich führe ein zufriedenes Leben, das mich immer wieder neu herausfordert. Ein Leben mit ganz vielen Geschenken, welche ich gerne annehme und auch an andere weitergebe.

Mein Rat

Mein Rat an andere Angehörige von suchtkranken Menschen: Seid mutig und seid es euch wert, eine Selbsthilfegruppe der Freundeskreise für Suchtkranke zu besuchen, und zwar nicht, um dem Suchtkranken zu helfen, sondern um euch selbst zu helfen. So könnt ihr erkennen, welchen Teil ihr an diesem kranken System habt und was ihr tun könnt, damit es euch besser geht, damit ihr euch wieder spürt, damit ihr euer eigenes Leben leben könnt.